Letzte Aktualisierung: 23. Januar 2020

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Sustainable Finance – Chancen und Herausforderungen

Auf dem Kongress Sustainable Finance – Chancen und Herausforderungen bekennt sich die vbw klar zu Nachhaltigkeit und Klimaschutz, fordert aber faire Spielregeln auf dem Gebiet nachhaltiger Finanzanlagen und warnt vor negativen Folgen einer zu starken Regulierung. „Weltweiten Klimaschutz erreichen wir nur durch die gleichrangige Berücksichtigung von Klimawirksamkeit, Wirtschaftlichkeit und sozialer Ausgewogenheit“, kommentiert vbw Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt.

Die EU möchte mit in wichtigen Teilen schon abgeschlossenen Regulierungsvorhaben die Finanzmärkte stärker an ökologischen Kriterien ausrichten um den enormen Investitionsbedarf, der zur Erreichung der Klimaziele notwendig ist, zu decken.

Brossardt: Politisches Eingreifen ins Marktgeschehen kritisch

Bertram Brossardt betonte, zwar unterstütze die vbw den Ansatz, das nachhaltige Finanzierungsgeschehen anhand harmonisierter und klar definierter Standards von Nachhaltigkeit mit mehr Markttransparenz zu versehen, das Eingreifen der Politik ins Marktgeschehen bleibe jedoch kritisch. Brossardt warnte vor den negativen Folgen einer zu starken Regulierung und den daraus resultierenden Herausforderungen für die Finanz- und Realwirtschaft und forderte, neue Belastungen der Unternehmen zu vermeiden und Wertschöpfungsketten zu erhalten. Zudem betonte er, dass die Sustainable Finance Regulierung, obwohl sie generell auf dem Prinzip der Freiwilligkeit basiere, alle Unternehmen treffe, oft mit zwingendem Charakter. Das löse erhebliche Unsicherheiten in der Finanz- und Realwirtschaft aus.

Ökologie und Ökonomie vereinbar und Risiken beherrschbar halten

Brossardt forderte weiter, ökologische und ökonomische Ziele praxistauglich miteinander zu verbinden und weitere Regulierungsschritte sehr viel sorgfältiger und umsichtiger anzugehen als die bisherige Regulierung. Schließlich forderte er die Finanzmarktaufsicht und die Geldpolitik weiter auf, sich ihrem stabilitätsorientiertem Kernauftrag zu verpflichten, anstatt diesen durch die Übertragung klimapolitischer Aufgaben zu gefährden.

Dr. Waigel: Sustainable Finance wird ein bürokratisches Monster

Der auf das Kapitalmarktrecht spezialisierte Rechtsanwalt Dr. Christian Waigel erläuterte, dass Sustainable Finance nicht nur für die Finanzwirtschaft hohe Priorität habe, sondern auch für Unternehmen der Realwirtschaft essentiell sein werde. Zu rechnen sei allerdings mit einem 'bürokratischen Monster'. Über die abzufragenden Kundenpräferenzen werde das Anlagegeschehen zwangsläufig immer stärker auf nachhaltige Anlagen auszurichten sein, was dazu führen werde, dass von den EU-Kriterien dazu nicht erfasste Geschäftsmodelle schlechter an Finanzierungen kommen. Zudem wies Waigel darauf hin, dass die von der EU derzeit geplanten Definitionen von nachhaltigem Wirtschaften äußerst komplex und sehr ambitioniert seien, und es in der Realwirtschaft zum jetzigen Stand an entsprechenden Anlagemöglichkeiten mangele. Unternehmen riet er, sich schleunigst und intensiv um das Thema Nachhaltigkeit zu kümmern.

Dr. van Roosebeke: Regulierung trifft alle

Dr. Bert van Roosebeke vom Centrum für europäische Politik (cep) wies darauf hin, dass sich die Präferenzen von Kunden, Wählern und Kapitalgebern zu mehr Nachhaltigkeit verändern, was zur Folge haben werde, dass von Unternehmen immer mehr nichtfinanzielle Berichterstattung gefordert wird. Er verdeutlichte, dass sich aufgrund komplexer Wirkungszusammenhänge weder Eigen- noch Fremdkapitalfinanzierungen noch die Versicherung von Unternehmen den Auswirkungen der neuen Regulierung entziehen können. Zudem erläuterte er, dass etliche Details namentlich in der Taxonomie noch ungeklärt seien, die notwendig sind, um die konkreten Auswirkungen des Geschehens auf die finanzierten Unternehmen abzuschätzen. Kritisch wies er darauf hin, dass die EU unterschiedliche nationale Sichtweisen zu Nachhaltigkeit nicht berücksichtige, und dass die Gefahr bestehe, dass Nationalstaaten regulatorische Instrumente nicht klimapolitisch, sondern mit protektionistischen Zielen einsetzen.

Beumer: Schaffung einer europäischen Scheinwelt

Markus Beumer, Vorstand der Hypovereinsbank München, warnte vor der Schaffung einer europäischen Scheinwelt durch die Fokussierung des EU-Kapitalmarktes auf Nachhaltigkeit. Europa spiele im globalen Kapitalmarkt eine untergeordnete Rolle und das internationale Wettbewerbsumfeld sehe in der Realität anders aus, als es die EU mit ihren Regulierungen schaffen wolle. Beumer befürchtet, dass die Regulierungen nicht nur den europäischen Kapitalmarkt belasten, sondern zudem Ausschlusskriterien für bestimmte, national wichtige Branchen und Industrien schaffen werde. International orientierte Unternehmen könnten dem ausweichen, indem sie außereuropäische Finanzierungspartner wählen, national orientierte Unternehmen nicht. Gleichzeitig betonte Bäumer, dass Nachhaltigkeitsaspekte schon heute die Bankengespräche mit unternehmerischen Kunden prägen und die Banken mit entsprechenden regulatorischen Anforderungen umzugehen werden wissen, auch wenn das für ihre Kunden unbequem ist.

Dr. Wiener: Versicherungsschutz gewährleisten

Dr. Klaus Wiener, Geschäftsführer des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft, sprach in Bezug auf das Maßnahmenpaket der EU von 'Regulierungswucht'. Er verwies zudem auf die Problematik der Transparenz, Offenlegung und Überprüfung der nachhaltigen Kriterien und forderte, dass die Unternehmen, die sich auf Nachhaltigkeit berufen und Kapital im Sinne der Taxonomie suchen, selbst proaktiv offenlegen müssen, zu wieviel Prozent sie grün sind. Weiter forderte Wiener, bei der Sustainable-Finance-Regulierung Diskriminierungen zu vermeiden und verlangte, sicherzustellen, dass jede erlaubte wirtschaftliche Tätigkeit auch Versicherungsschutz bekommen darf – mittelbar ein Hinweis darauf, dass dieser Anspruch nach aktuellem Stand nicht sicher gewährleistet ist. Schließlich betonte Dr. Wiener, dass die klimabezogenen Kriterien noch vergleichsweise einfach messbar seien, und sich die Problematik mit den weiteren Nachhaltigkeitsaspekten noch ganz anders stellen werde.

Altmann: Nachhaltigkeit in der gesamten Lieferkette

Fredrik Altmann, Leiter der Konzernfinanzierung der BMW AG, erklärte, dass Nachhaltigkeit bei großen Konzernen schon lange eine essentielle Rolle spielt und dabei auch die gesamte Lieferkette betrachtet werde. BMW unterziehe schon heute alle Zulieferer produktbezogen entsprechenden Audits und arbeitet in diesem Zusammenhang mit best practice-Vorgaben, die auch Ausschreibungen zugrunde gelegt werden. Altmann erklärte, dass es das Ziel von BMW ist, insgesamt den Kriterien von Sustainable Finance bzw. entsprechenden Erwartungen von Geldgebern gerecht zu werden und dass in dem Zusammenhang auch die Anforderungen an Zulieferer an künftige regulatorische Vorgaben, insbesondere die anstehende sogenannte Taxonomie mit konkreten Nachhaltigkeitsparametern, angepasst werden müssen.

Studie zu den Auswirkungen von Sustainable Finance auf die Realwirtschaft

Abschließend wies Christine Völzow, Geschäftsführerin und Leiterin Wirtschaftspolitik der vbw, darauf hin, dass das cep gegenwärtig eine Studie im Auftrag der vbw erstelle, um die Auswirkungen von Sustainable Finance auf die Realwirtschaft zu beleuchten. Die Studie werde voraussichtlich in wenigen Wochen veröffentlicht.

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